Mattias IA Eklundh beim
Two-Handed Chord Tapping im KIG
Aufbruch
Dank Olli von Spreading Miasma hatte ich von dem kurzfristig geplanten Event Kunde erhalten und entschied mich, zum KIG zu reisen. Das gute Wetter war für den Ausflug wie bestellt. Sonnenbrille auf, Stoffbeutel mit Apfelsaftschorle und nem Apfel als Reiseproviant mitgenommen und ab in den Bus.
Am Berliner Platz ein kurzer Aufenthalt in der Sonne unter'm Dino vor der Kongresshalle. Dann in den nächsten Bus in Richtung Europaviertel zum KIG.
Im Bus bemerke ich dann, dass mir der Reiseproviant abhanden gekommen ist. Das wäre der zweite Stoffbeutel, den ich innerhalb kurzer Zeit irgendwo verloren hab. Mist.
So, was, dachte ich? Ich dachte: "Dinge werden doch mal eine Weile irgendwo liegen bleiben können, ohne dass sie mitgenommen werden oder sich in Luft auflösen." Das ist wie in einem Computerrollenspiel, in dem man seine Ausrüstungsgegenstände, Klamotten, Brötchen usw. auch irgendwo liegen lassen und später wieder abholen kann, ohne dass fiese Monsterchen das Zeug in ihren Höhlen verbuddeln. Wenn das in einem Computerspiel geht, dann sollte es in dieser hochauflösenden Wirklichkeit doch auch funktionieren, oder?
Also, keine Panik und mit Vorfreude ab zum KIG.
Ankunft
"Hi, I'm Mattias IA Eklundh. I make strange music!"
Dort angekommen schaute ich mich etwas um, genoss die Abendsonne und betrat dann das KIG-Gebäude. Der alte Schwede saß an der Bühnenkante und plauderte mit den ersten Besuchern. Dann begrüßte er mich, wie auch jeden anderen, der den Raum betrat und bat mir einen Platz ein. Die erste Reihe blieb unbesetzt - wie in der Kirche.
Bevor es offiziell losging, unterhielt er sich mit uns, erklärte seine neue Apple Horn-Gitarre mit True Temperament Bundierung, seine einzigen beiden Effekte: ein Volumenpedal und ein Wah Wah und zeigte den Kindern in der zweiten Reihe wie man auf der E-Gitarre eine Autohupe und einen Elefanten nachmacht. Als ein Besucherhund herangeschnüffelt kommt, erzählt er von seinem riesigen Schäferhundwelpen, der mit seiner Nase immer in den Verstärker stupst, wenn er Gitarre spielt und mit Harmonics herumquiekst.
Nachdem der Veranstalter das Okay gegeben hatte, betrat Mattias Eklundh die kleine Bühne und begrüßte seine kleine Schar Gäste herzlich. Dann lud er zur Fragerunde ein. Jeder der eine Frage zu Spieltechnik, Stücken, Musik, Gitarren usw. hatte, erhielt Antwort. Dazu spielte er Stücke zur Demonstration und Unterhaltung (z.B. La Bamba) und erzählte Anekdoten aus seinem Musikerleben.
Regel Nummer Eins: "Do your own thing."
Zum Beispiel wie er mit 16 Jahren von der Schule ging und Musiker wurde. Und wie er dann regelmäßig in der Bibliothek saß und Musik studierte und Geschichte und Politik und allerlei anderes Wissenswertes, das sich über die Jahre in seinen kritischen Texten niederschlagen sollte. Dann empfahl er den anwesenden Kindern, Schülern und Studenten, die Schule auf keinen Fall abzubrechen, aber darauf zu achten, dass die Lehrer nicht ihrer Bildung im Wege stehen. Education is important, and school sucks. Oder so ähnlich.
Regel Nummer Zwei: "Grow your own moustache."
Außerdem dürfe man seine eigene Musik machen und neugierig durch die Welt wandern und von anderen lernen. Er erzählte von seinen Indienreisen und wie er dort mit Kindern auf der Straße spielte und sich selbst wie ein Trottel vorkam, wenn sie lässig ihre für Europäer ungewöhnlichen Taktarten und Rhythmen spielten. In dem, was man macht, soll man zu sich selbst finden und seinen eigenen Schnurrbart wachsen lassen.
Keep the Beat!
Nach der Indien-Anekdote war es Zeit, eine Einführung in krumme Taktarten zu geben und ein paar rhythmische Besonderheiten zu erklären. Ein musikalisches Mitmachspiel und ästhetische Erfahrung.
Wenn er sich dann selbst verspielte, dann erklärte er, dass das nunmal zum Leben dazu gehört. "Sometimes your underwear is dirty. Sometimes you mess up a song. That's part of life. But try to keep the beat."
Abschied
Nach etwa anderthalb Stunden auf der Bühne (und eine gute halbe Stunde davor) spielte er ein Stück von Frank Zappa zum Abschied und beendete die Clinic mit den Worten: "It's always a pleasure to play among friends." und eilte dann aufs Klo. Kein Wunder, dass er am Ende immer schneller gespielt hat...
Im Flur traf ich ihn wieder und bedankte mich für den schönen Abend.
Er meinte noch: "You seem like a dedicated guy. Save up for it and come visit the Freak Guitar Camp this summer. Sell your guitar, you can play mine."
Ich denk noch drüber nach. Für den Erlös meiner Gitarre komme ich vielleicht bis nach Hamburg ... Jedenfalls weiß er, wie man mögliche Kunden umgarnt. Erst ein Selbstbild stärken und dann das Angebot ausbreiten, dessen Ablehnung einer Schwächung des Selbstbildes bedeuten würde. Wir fallen ja so gerne auf Werbung rein ;)
Die Beständigkeit der Dinge
Nachdem ich mich so verabschiedet hatte, wanderte ich durch die Nacht in die Stadt. Dabei Gedanken über Kunst, Musik, Gitarrenspiel, Übungen usw.
Als ich zum Dino zurückkehrte, wartete dort mein Sylt-Beutel. Scheinbar unangetastet, denn wer traut sich schon an einen Dino ran? Braver Dino!
Objektpermanenz ist eine feine Sache. Man darf vertrauen, dass die Dinge beständig sind und in der Regel dort liegen, wo man sie zurückgelassen hat.
Mein Spruch des Tages, der mir irgendwann im Bus einfiel:
"Genius is easy to dismiss, while stupidity isn't." (ald)
Besten Dank an die Kulturintiative Gießen e.V.! Das war ein merk-würdiger Abend!
