Digitale Bilder analog präsentiert.
Mit Handy wiederum digital gewandelt, hochgeladen
und von ihrem Bildschirm analog gewandelt.
Mit Handy wiederum digital gewandelt, hochgeladen
und von ihrem Bildschirm analog gewandelt.
Hineingestolpert
Die Notausgangtür war leicht angelehnt. Ich betrat das Gebäude am Berliner Platz und passierte eine Tischgesellschaft, von denen manche mich anblickten, als sei ich ungebetener Gast. Aber ich war Besucher.
In der Kunsthalle stille Atmosphäre, Licht und eine große Kugel, die meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie ruhte dort auf einem weißen Podest. Eine offene Klappe, wie die Luke eines kleinen selbstgebauten Kugel-UFOs, lud mich ohne Worte auf eine Reise ein. Ich sah mich um und setzte mich dann, um mir die Schuhe auszuziehen.
Eine Reisebegleiterin in Schwarz war bei den Vorbereitungen behilflich und schloss die Luke hinter mir.
Mit Leinenhemd vor Hiroyuki Masuyamas Blumen - 17. Juli 2011
Raum und Zeit
Drinnen klingt die Welt anders. Das eigene Flüstern schallt lauter in der Weite des Weltraums. Sterne leuchten um mich herum, tanzen ruhig mit jedem Atemzug.
Draußen eine Blumenwiese, zehntausend Selbstportraits des Künstlers, ebensoviele Galaxien und die 27 Meter lange Dokumentation einer Weltreise. Das alles kann nicht so interessant sein wie die Erfahrung in der Weltraumkugel. Trotzdem verweilen die Besucher vor den leuchtenden Arbeiten, spazieren an den Arbeiten vorbei und verlängern die Wände mit jedem ihrer langsamen Schritte.
Ich liege im Dunkeln, greife mit den Händen nach den Sternen und lausche. Ungeduldige Stimmen in der Warteschlange zur Weltall-Meditation.
"Ist da noch jemand drin?"
"Ja."
"Wie lange dauert das noch."
"Bis der Besucher klopft."
Zur Rezeption der Arbeit "O" gehört es, sich nicht drängeln zu lassen. Es handelt sich um einen inszenierten Meditationsraum. Es reicht nicht aus, ein schnelles Handy-Foto zu machen, um zu sagen "Ich war hier." Die sinnlich-ästhetische Erfahrung ist kein kurzes Rein und Raus.
Ich klopfe noch lange nicht. Aber viel zu früh.
"O"
Altered States - Die Kugel im Zentrum erlaubt Einsicht und Aussicht.
Altered States - Die Kugel im Zentrum erlaubt Einsicht und Aussicht.
Wer hineinsteigt, darf sich Zeit lassen. Kunst ist kein Fastfood.
Ästhetische Erfahrung
Die ästhetische Erfahrung, die Sie gerade machen, könnte ähnlich dieser sein: Sie sitzen auf ihrem Stuhl und starren auf den Bildschirm. Tragen dabei ihre Kleidung, vielleicht eine Tasse in der Hand, die Maus in der anderen. Surren des Lüfters, Zehen in den Flipflops kratzen an der Fußleiste, um das Jucken unter den Nägeln zu beenden. Der Kaffee ist lauwarm, zu kalt eigentlich, riecht aber noch nach 6,99 Euro und soll darum nicht weggeschüttet werden. Im Rücken ein Druck von Kandinsky, goldgerahmt. - Kandinsky, weil es drunter steht. Wie in unzähligen Arztpraxen, die als Ausstellungsräume dieser Kunstdrucke das bedrückende Warten, peinliches Schweigen und das flüchtende Blättern in belanglosen Zeitschriften als ästhetische Erfahrungen dazuschenken. - Auf dem Schreibtisch ein Kaffeeabdruck der Tasse. "O" ein dunkler Ring. Monochromatisches Symbol einer Unendlichkeit. Weggewischt mit Taschentuch oder Hemdärmel.
Wer ästhetische Erfahrungen machen will oder sich fragt, was das genau sei und wo man sie findet, weshalb sie nicht nur in den Kunstunterricht gehören, der kann mit der Wahrnehmung von Selbst und unmittelbarer Umgebung anfangen und ein paar Schritte weiter gehen. In die Kunsthalle Gießen.
Führungen können gebucht werden. Neugierige gehen selbst drauflos. Spontane wandeln die Wartezeit an der Bushaltestelle Berliner Platz in eine Abenteuertour.
Wer möchte darf eigene Fotos mit der Begegnung der Arbeiten einreichen und am Diskurs teilnehmen.
Der Eintritt ist kostenlos und der Besuch nicht umsonst.


